Der gestreckte Mittelfinger

Der Berliner Rapper Pyro One im Gespräch über sein neues Album, den Frust mit der Subkultur und Bodo Ilgner













Hi Pyro, fein mit dir zu sprechen! 
Hi, freut mich.

Dein Name Pyro One erinnert stark an LeijiONE, den du ja auch sehr gut kennst. Gibt es da eine Parallele, also stammt das auch aus dem Graffiti?
Nee, tatsächlich gar nicht. Aber ich glaube, dass wir schon so aus einer Generation kommen, was die Namensgebung anbelangt. Als das mit dem Rap irgendwann konkreter wurde, da musste ich dem Kind einfach einen Namen geben. Dann saß ich irgendwann mit einem Freund und dachte über Namen nach: "Ok, wir rappen jetzt, wir haben voll die Energie. Feuer ist Energie." und dann irgendwelche Assoziationen wie "lyrisches Feuer" blabla (lacht). Alles ein bisschen verschwurbelt und naiv damals. Zuerst ein MC drangehangen, was damals typisch war und daraus ist irgendwann One geworden, Pyro One.

Das muss ja dann so um die Jahrtausendwende gewesen sein.
(überlegt) ja, so ungefähr. Ich glaube, so um 2000 hieß ich schon so. Genau kriege ich es nicht mehr zusammen. Das ist auch eine schwierige Sache, mit der Namensgebung. Mit dem Wissen von heute, würde ich mir so einen Namen nicht noch mal geben.

Echt? Warum das denn? 
Naja, es ist schon eine ziemlich oldschoolige Namensgebung. Auch dieses Bild vom "lyrischen Feuer", finde ich inzwischen ziemlich platt.

(lacht) ja. Gut, ist ja normal: Mit der Zeit ändert man sich.
Ja, ganz genau. Mein sechzehn- oder achtzehnjähriges Ich fand das wahrscheinlich ziemlich gut.

Wie bist du denn überhaupt zu Rap gekommen?
Ich denke, dass war der klassische Werdegang. Ich hab ziemlich viel Rap gehört, das war meine Musik und irgendwann ging es dann vom Hören zum Schreiben des ersten Textes.

Wovon handelte der?
Oh, das weiß ich noch ganz genau: mit 15, 16 wurde ich mal nach dem Fußballtraining von zwei Nazis angemacht und musste meine Beine in die Hand nehmen und wegrennen. Das ging gut aus, aber als ich zuhause war, war ich noch ein bisschen emotional und habe dann einfach ein Blatt Papier vollgeschrieben mit irgendwelchen Reimen, völlig ohne Struktur. Am nächsten Tag bin ich dann in die Schule gegangen und hab's meinen Freunden gezeigt: "Yo, yo, jetzt wird gerappt" (lacht)

Aber warum gerade Rap? Ich meine, es hätte doch genauso gut eine Metal-Band sein können.
Ein bisschen Zufall ist das schon, denn ich war tatsächlich in einem sehr bunten Freundes- und Bekanntenkreis unterwegs, der musikalisch sehr vielfältig aufgestellt war. Da gab es von Reggae bis Metal-Core eigentlich alles. Da ich damals nur Fußball und kein Instrument gespielt habe, war damit schon mal handgemachte Musik vom Tisch. Der Zugang war da einfach leichter, durch das Texte schreiben: Stift, Papier und es ging los.

Ja, das stimmt schon: Texte sind insgesamt zugänglicher. Oder sagen wir: Es ist vielleicht schwieriger, seine Gedanken und Emotionen instrumental auszudrücken.
Das stimmt, Rap ist wunderschön, doch dieses komplett freie Interpretieren, das bei Instrumental-Musik möglich ist, das finde ich sehr geil. Du gibst den Leuten was in die Hand und die interpretieren sich das komplett neu, deuten dass individuell komplett unterschiedlich. Je nach Stimmung total unterschiedlich.

Klar, die meisten Raptexte sind sehr eindeutig.
Genau. Ich meine, ich habe immer versucht, verschiedene Ebenen in die Texte einzubringen, um viele Zugänge zu ermöglichen. Ich will immer, dass es verschiedenen Deutungen geben kann und es immer wieder was in den Texten zu entdecken gibt.

Bei laut.de habe ich gelesen, dass Nas, Wu Tang Clan und Mobb Deep dich beeinflusst hätten. Passt das?
Das Laut.de Zeug ist zehn Jahre alt (lacht). Aber für meine frühen Einflüsse passt das.

Immer noch?
Also, bei Nas auf jeden Fall. Wenn ich den Impfgegnerquatsch mal ignoriere, finde ich die jetzige Entwicklung immer noch spannend. Das ist ja auch nicht immer so: es gibt ja genug Rapper, die beim „altern“ komisch werden bzw. einfach in der Entwicklung stehen bleiben und dann nur als Best Of Show uninspiriert auf Bühnen stehen. 

Kanye West hat ja Nas' letztes Album produziert.
Das Album hat mich enttäuscht. Kaum ein Song der wirklich hängen geblieben ist und den Sound fand ich auch nicht sonderlich spanend. Mobb Deep ist immer noch zeitlos. Die erste Wu Tang Platte war eine Art Schlüsselerlebnis. Die haben wir damals so oft gehört, bis es nicht mehr ging.

Ja, das kenne ich. Benni (Lemur) und ich haben die damals auch rauf und runter gehört. Gab es denn auch Deutschrap, der dich beeinflusst hat?
Ich bin in der linken Subkultur groß geworden, da gehörte dann auf jeden Fall die erste Platte von Freundeskreis dazu. Quadratur des Kreises fand ich damals sehr krass. Max Herre hat auf jeden Fall einen großen Einfluss gehabt. Inzwischen ist der mir egal. 
Mein Erstkontakt waren aber eher härtere, amerikanische Platten und Künstler. Kram, wie z.B. ICE-T und Bodycount.

Was hat dir daran gefallen?
Ich hatte vorher noch sie solche Energie und Power in Musik wahrgenommen. Damals dachte ich: "Wow, krass, das kann man so machen?" Fand ich geil. Fugees habe ich viel gehört. Mos Def. Viel Conscious Rap. Das war einfach Teil meiner Sozialisation: Nicht nur musikalisches, sondern auch politisches Bewusstsein.

Gibt es außer Rap andere Musikrichtungen, die du magst?
Früher habe ich extrem viel Reggae gehört. In meiner Jugend war ich auch viel mehr auf Reggae- und Dancehall-Partys unterwegs, als auf HipHop-Partys. Damals ging da in Berlin sehr viel. In geringen Dosen über Freunde auch Hardcore oder Metalcore. Rage against the Machine, Nirvana. Vor meiner Rap-Phase habe ich sehr viel Depeche Mode gehört. Michael Jackson. Ansonsten kommt heute auch ein bisschen Soul und entspanntes Zeug dazu.

In einem Interview mit Schattenblick.de sagtest du, dass du vor 2009 in zwei Bandkonstrukten unterwegs warst. Das waren
Monkey Mob und .... ?
Die kennt kaum einer mehr. Monkey Mob war ambitionierter, da gab es auch Releases und Auftritte. Das andere war einfach ein loses Treffen mit den Jungs aus dem Viertel und der Schule. Einfach bei einem DJ treffen, rumhängen, Texte schreiben, rappen. Damit ging es dann klassisch auf Jugendzentren-Bühnen oder wir haben, um spielen zu können, eigene Partys veranstaltet. 

Aber Monkey Mob gibt es nicht mehr?
Es gab nie eine offizielle Auflösung aber unsere „Bandpause“ von 2009 scheint für länger angelegt. Das ist aber auch eine recht normale Entwicklung. Wenn man aus der Jugend zusammen rauswächst, dann differenzieren sich die Persönlichkeiten in unterschiedliche Richtungen aus. Wir haben uns irgendwann auseinander entwickelt und das war es dann. 




Klar, das ist auch ein Alter, in dem man sich noch sehr verändert. War das auch so bei Tick Tick Boom?
Nein, bei Tick Tick Boom hat sich das ganz entspannt erledigt. Ich glaube, das war eine klassische Künstlerkollektiv-Historie. Sehr euphorisch gestartet, große Pläne, um ein paar Türen einzutreten, großartige Konzerte gespielt. Irgendwann trafen diese Pläne dann auf die Realität. Persönliche und künstlerische Entwicklungen, Zeitressource usw. Wir hätten gern im nächsten Schritt Strukturen mit mehr Substanz schaffen wollen. Überlegungen zu einer Vereinsgründung etc. standen im Raum. Dafür benötigst Du Leute, die Zeit und Energie für solch ein Projekt haben. Wir mussten irgendwann feststellen, das wird so nix.

Ihr seid nicht im Streit auseinander gegangen.
Nein, ganz und gar nicht. Wir haben uns gedacht: "Kommt, wir hören auf, solange wir uns nicht nerven und es nicht zwischenmenschlich komisch wird." Das Ganze hatte ja auch eine Menge angestoßen. 

Ja, aber doch irgendwie schade: Das Bild auf eurer Website mit dem Titel #TickTickBye ist schon irgendwie traurig. Ihr habt den Begriff Zeckenrap ja entscheidend geprägt. 
Ja, wobei ich irgendwann das Gefühl hatte, dass dieses Label einschränkend war. 




Inwiefern?
Ich hab mich am Anfang auch gerne mit „Zeckenrap“ gelabelt. Im Endeffekt nur eine selbstbezeichnende Schublade, die Leuten und Medien geholfen hat, unsere Musik einzuordnen. Irgendwann hat sich der Begriff krass verselbstständigt. Der wurde dann mit vielen Erwartungen überfrachtet, von wegen: was darf innerhalb des Zeckenraps passieren und was eben nicht. Ein bisschen wie eine Zensur und das war dann nicht mehr meins.

Wie hat sich das konkret gezeigt?
Wie gesagt, es ist einengend. Natürlich bin ich ein politischer Musiker. Ich muss aber nicht zwingend in jedem Song politische Kontexte behandeln. Als Künstler möchte ich mich nicht in so einem eng absteckten Bereich bewegen. Ich möchte keine Erwartungen erfüllen müssen, als wäre ich eine Art JukeBox. Das langweilt mich.
Ich habe keine Lust, immer wieder dieselben Themen zu hören, die sich immer wiederholen. Einfach plump "Nazis sind scheiße", das wissen wir doch alle in unserer Blase. Das ist nicht kreativ. 

In dem Interview mit Schattenblick.de sagtest du: “Ich fände es ja gut, wenn der Massengeschmack eher in meine Richtung gehen würde und man die Option hätte, quasi mit politischen Liedern, wobei nicht jeder Song zwingend politisch sein muss, aber doch mit etwas straighteren Inhalten Leute zu erreichen.” Was hat das auf sich mit den straighteren Inhalten? Was sind zum Beispiel Inhalte, die für dich überhaupt nicht gehen?
Da gibt es ganz viel (lacht). Schunkel- und Partysongs mach ich in der Regel nicht, keine Hits. Songs rund ums das Thema „Liebe“ sind sicher sowas wie die Königskategorie. Hab ich mal auf einer EP und einem Feature gemacht. Inzwischen bin ich da zurückhaltender und lasse gewisse Themen lieber im Privaten. Dazu kommt, dass es wahnsinnig schwierig ist, solche Themen umzusetzen, ohne dass es am Ende total cheesy und kitschig ist. Das kriegen nur die Wenigsten hin. 

Nenn doch mal ein paar Beispiele.
Ja, ich bin zum Beispiel immer recht schnell genervt, wenn gewisse Bilder in Songs hundertmal reproduziert werden. „Ich gehe meinen Weg“, „Kämpfe dich von unten nach oben“, usw. Diese ätzende Phrasenhaftigkeit und der oft dreiste Versuch, diese Phrasen besonders klug klingen zu lassen. Ich hab' da oft das Gefühl, da werden für einen hohen Output „Schnellschüsse“ produziert und rausgehauen. Viele Texte wirken, wie schnell zusammengewürfelt. Da fehlt es an Mühe und auch an der Liebe zur Sache.

Du achtest extrem auf Texte. Gut: das macht jeder Rapper. Oder besser, das sollte jeder Rapper machen. Aber du legst dein Hauptaugenmerk auf die Texte, kann das sein?
Ja, es gibt definitiv Rapper, die es in Sachen Skills und Flow mehr drauf haben, als ich. Was ich für mich in Anspruch nehme, das ist das Texten. Deswegen nervt mich das auch, wenn Leute steil gehen, obwohl deren Texte scheiße sind. Ich weiß, bei Musik geht es nicht nur um Texte, aber mir ist das sehr wichtig. Wie wird mit Wörtern umgegangen? Kann das lyrisch was oder wurde das nur schnell hingerotzt?

Aber woher kommt dieser Fokus auf die Texte? Hat sich das mit der Zeit entwickelt und du hast es dann an dir entdeckt, oder gab es da ein Schlüsselerlebnis?
Nein, also ein Schlüsselerlebnis gab es in dieser Form nicht. Ich denke, das ist einfach gewachsen. Wie gesagt, es gibt natürlich auch andere Seiten an der Musik. Ich kann zum Beispiel auch verstehen, dass Cloud Rap funktioniert. Wenn bei Juicy Gay jede Zeile sofort auf ein T-Shirt gedruckt werden kann, ist das auch toll und geht klar. Meine Spielwiese ist es aber nicht.



Interessant fand ich ja auch folgende Passage aus dem Interview mit Schattenblick.de: “Bei "Hurensohn" weiß ich, was es bedeutet, es hat einen festen Stellenwert als Beschimpfung, aber wenn ich es trotzdem benutze, finde ich es schwierig. Ich versuche es zu vermeiden und wüsste auch nicht, dass es in meiner Sprache großartig vorkommt. Klar schimpfe ich auch, ich schreibe ja die Texte und lasse sie auch einen Tag liegen, um noch einmal drüber zu lesen und zu fragen, ob das jetzt mein Mittel ist, um Wut auszudrücken oder geht es vielleicht cleverer, gibt es schönere Wege zum gleichen Ziel?” Kannst du uns da ein konkretes Beispiel nennen: Was gab es denn so für Fälle, in denen du gedacht hast: “Nee, das will ich so nicht sagen."
Ich betreibe keine Selbstzensur. Ich bin relativ wenig in diesem Punchline-Game zu Hause und auch das Entertainment-Ding ist nicht sonderlich meine Baustelle. Mein Output ist eh nicht besonders groß, daher nehme ich mir den Luxus, Texte liegen zu lassen und sie später wieder anzufassen und immer wieder zu hinterfragen. Wenn dann in der linken Subkultur bestimmte „Schimpfwörter“ eingestreut werden, um eine Grenzüberschreitung zu provozieren, ähnlich der Dinge in der konventionellen Rapszene, finde ich das albern. Viel aktueller Rap basiert ja auf diesem Prinzip. Noch härter, noch ekliger und immer noch eins drauf. Musikalisch relativ unspannend und in Teilen der Subkultur, finde ich, laufen ähnliche Prozesse.

Was sind denn so Strömungen oder Tendenzen, die du überhaupt nicht leiden kannst. Also, außer Nazi-Rap.
Trailerpark! Alles Scheiße. Dazu finde ich weiterhin stumpfe, sexistische Songs langweilig und eklig. Deutschrap ist inzwischen groß. Mich belustigt das, wenn Kids 187 oder Capital nach singen. Da denke ich mir dann: "wow, geile Zielgruppe". Aktuell wollen alle Hits und das hört man. Der Typ von RUN-D.M.C. hat letztens gesagt, die aktuelle Rap-Generation erinnere ihn an die Disco-Phase der 70er. Ich finde das einen sehr passenden Vergleich. Es ließe sich auch mit der Deutschrap-Blase Anfang der 2000er Jahre vergleichen. Austauschbare MCs mit austauschbaren Singles. Die Klicks gegen aber recht... oder so ähnlich.

Umgekehrt: Gibt es Strömungen und Tendenzen, die dir besonders gefallen?
Klar. Rap ist inzwischen komplett ausdifferenziert und es gibt Platz für alle. Der Untergrund ist bunt. Es gibt dieses ganz geile Boom-Bap Revival. Leute, wie z.B. T9 oder Lord Folter machen komplett eigenen Kram. Leute wie Trettmann gehen komplett durch die Decke. Ziemlich viel von Casper finde ich gut. Auf Reisen hab ich gerade sehr viel Gavlyn, Reverie oder Vel the Wonder gehört. Wie gesagt: Rap ist gerade eine Spielwiese für alle. Gleichzeitig ist das wahrscheinlich auch das große Problem.

Was mich immer interessiert ist die Frage, wie Rapper eigentlich an ihren Skills arbeiten. Machst du das so wie ein Sportler, der regelmäßig trainiert oder ist das eher ein Lernen auf der Bühne? Ich meine, dein Mundwerk ist ja dein Instrument und muss entsprechend geübt werden.
Ich „trainiere“ vor Auftritten gerade wenn ich eine zeitlang nicht kontinuierlich gespielt habe. Ansonsten hab ich keine festen Termine im Alltag, es sei den Recordings etc. stehen an. Früher hab ich oft im Auto auf dem Weg zur Arbeit einfach überall alles gefreestylt, was mir das Radio angeboten hat. Rap ist Teil meines Alltags auch wenn nicht immer Zeit ist konkret an Dingen zu arbeiten. Ansonsten hab ich den Vorteil inzwischen einen Sprechberuf auszuüben. Auch in Zeiten, in denen ich wenig spiele, schult das die Stimme etwas und gibt mir das Wissen: die kann ein bisschen was ab. Ansonsten Live-Spielen. Ist wie Proben, man kann das nicht simulieren. Bis zu dem Punkt, wo auch neue Songs nach ein paar Schnäpsen noch durchlaufen. Aus diesem Grund sind z.B. Releasepartys überschätzt. Aufregung und neue Songs sind in der Regel nicht die beste Basis für eine geile Show.

Ich weiß, was du meinst, ich habe das tatsächlich bei Freunden von mir beobachtet. Da erkennt man dann tatsächlich, wie sie teils bewusst, teils unbewusst auf dem Feedback des Publikums aufbauen und ihre Bühnenshow ändern.
Ja, auf jeden Fall. Live ändert sich häufig nochmal die Dynamik in den Songs. Das können dann kleine Flow-Variationen oder andere Betonungen sein.




Wie kann man sich den typischen Entstehungsprozess deiner Songs in etwa vorstellen?
Ich hab am Anfang in der Regel kleine Beatskizzen von befreundeten Produzenten. Vor jedem Release taste ich mich Stück für Stück heran. Schau, wo ich gerade musikalisch stehe, worauf ich Bock habe usw. In letzter Zeit hab ich zu Beginn eines neuen Schreibzyklus immer Skizzen mit auf Reisen genommen und hab ziemlich frei Textfragmente begonnen. Dann sammle ich eine Weile und wir beginnen aus Beatskizzen und Textstücken Songs zu produzieren. Bei meiner aktuellen Geschwindigkeit kann sich das dann schon mal über mehrere Monate ziehen. Für das nächste Release wollte ich mal etwas anderes und hab mich eine Woche in Thüringen im Wald in einer Hütte ins Exil zurück gezogen, um mal eine Woche nur auf Beats rumzuschreiben.

Du und Leiji, ihr habt es mit den Waldhütten (lacht)
(Lacht) ich glaube, das ist Zufall. Ist aber ein toller Luxus, den ganzen Tag schreiben zu können und ab morgens Beats zu pumpen. Im Oktober alleine in den Wald zu fahren, das sorgt natürlich dafür, dass die neuen Songskizzen alle ziemlich „lebensbejahend“ geworden sind (lacht). Teile davon bilden den Kern meiner neuen Platte. Die Finalisierung zieht sich noch etwas hin. Zwischendurch schick ich meine pre-recordings immer ausgewählten Leuten. Das ist dann wie ein Filter für mich, um nicht betriebsblind zu werden. Ich erhalte dann direktes Feedback und vertraue den Leuten, so dass ich dann die ein oder andere Skizze gleich wieder einkassiere.

Du bist eher jemand, der Pausen zwischen seinen Veröffentlichungen lässt, um Einflüsse zu sammeln.
Ja, auf jeden Fall. Man erlebt Dinge, sammelt Eindrücke und filtert dann daraus seine Songs. Dann hat man irgendwann eine Menge Songs, verwirft wieder die Hälfte (lacht), fängt wieder von vorne an, bis man ein Album hat. Dazu kommt, dass die Lohnarbeit viel Zeit absorbiert und ich mir immer meine Nischen freischaufeln muss, um konzentriert an der Mucke zu arbeiten.

Manche meinen ja, dass sich das Format Album selbst überlebt hätte.
Ja, kann ich verstehen, ich finde aber immer noch Alben geil. Ich finde es nach wie vor faszinierend, wenn sich aus einer Reihe von Songs ein Gesamtbild entwickelt.

Wie Kapitel in einem Buch.
Ja genau. Aktuell geht der Trend ja dahin, Song nach Song zu releasen und nach einer Weile ist die Playlist dann ein Album. Es gibt sicherlich Künstler, wie zum Beispiel Ahzumjot, der das durchzieht ohne sich von den Reaktionen der Leute beeinflussen zu lassen. Bei Labels vermute ich, dass da schnell die Verwertungslogik greift: Ein Song funktioniert, also gehen die nächsten in eine ähnliche Richtung. Ich hab mal versucht, in diese Richtung zu arbeiten, musste aber schnell feststellen, dass ist nicht mein Modus.

Gibt es Sachen an dem Entstehungsprozess, die dir besonders gut gefallen?
Meine Passion ist auf jeden Fall die Bühne. Dort gehe ich am meisten auf und fühle mich meiner Musik am engsten verbunden. Direktes Feedback der Leute und die daraus resultierende Emotion, das ist das Beste. Studioarbeit ist auf dem Weg zur Bühne das notwendige Übel. Die Arbeit mit MajusBeats im Studio ist inzwischen wahnsinnig entspannt und kreativ, so dass ich darauf inzwischen mehr Bock hab', als noch vor ein paar Jahren.

Gibt es musikalische Sachen, die du niemals in deiner Musik willst. Sagen wir zum Beispiel: Autotune, volle Breitseite Distortion auf der Stimme, Synthie-Streicher oder ähnliches?
Viel hilft viel. Autotune in Maßen. Distortion immer. Synthesizer prägten früher stark das Soundbild meiner Songs. Aktuell entferne ich mich davon ziemlich und hab' eher Bock auf wärmere und organische Sounds. Instrumente durch Synthie zu ersetzen ist schwierig bis eklig vom Klang. Orchestrale Samples sind durch und auch die meisten Pianodinger sind mir zu poppig. Bei mir gibt es daher auch keine Hits, weil ich alles herausfiltere, was in diese Richtung geht (lacht).

Wer waren die Helden deiner Kindheit? LeijiONE hatte erstaunlicherweise keine oder hat es vielleicht auch nicht sagen wollen.
Hmm. Keine Ahnung. Also, ich war ja so der klassische Fußballjunge, habe Ewigkeiten Fußball gespielt, in jeder freien Minute. Da war Bodo Ilgner der Torwart, den ich cool fand. 

Lieblingsverein Köln?
Ja, genau. Ich habe so ein Faible für verkrachte Fußballer. So Podolski, Großkreutz, Gascoigne usw. 

Ich habe bisher selten mit Rappern über Fußball gesprochen. Interessiert mich persönlich auch überhaupt nicht.
Ja, stimmt, es kommt aber auch darauf an, mit wem man spricht. Bei TickTickBoom gab es da schon ein paar, die miteinander richtig nerdig über Fußball gesprochen haben. Hier in Berlin, bei den Leuten, mit denen ich musikalisch zu tun habe, bin ich eher so der Nerd. Auf Tour mit ForsterCtrl geht das zum Glück sehr gut. Da werden schon mal pausen an Raststätten eingelegt, um Bundesliga zu schauen.

Du arbeitest gerade an deinem neuen Album.
Genau.

Wann soll es erscheinen?
Kann ich noch überhaupt nicht sagen. Ich arbeite im Moment ohne Label und mache meine eigenen Zeitpläne bzw. habe eben auch keine. Ich wollte dieses Jahr eigentlich zwei EPs releasen und nächstes Jahr dann ein Album. Jetzt hab ich zumindest die ersten neuen Songs im Live Set und es wird sicherlich dieses Jahr noch das erste Video geben.

"Eigentlich". Heißt das, die EPs sind vom Tisch?
Nein, nicht wirklich. Eine EP ist fast fertig. Es wurde schon recordet und die nächsten Session stehen an. Parallel schreibe ich aber auch noch, so dass sich alles noch verändern und entwickeln kann. Dazu kommen die ganzen Dinge, die Zeit brauchen. Artwork, Videos usw. Ich werde wahrscheinlich mit einer neuen Booking-Agentur zusammen arbeiten und werde in die Richtung schauen, wann eine Veröffentlichung Sinn macht, da meine letzten Sachen ja eine Weile her sind. Vielleicht kommt zwischendurch auch noch was in digitaler Form, ich stecke da noch mitten im Entstehungsprozess.

Da sagt du was. Um mal selbst in die Phrasenkiste zu greifen: Das Internet ist ja Fluch und Segen für Musiker. Einerseits genial, weil du viel selbst machen kannst, andererseits muss man dann auch eine Menge Energie und Zeit in Dinge investieren, die traditionell andere Leute für einen gemacht hätten.
Ja, das stimmt. Bestimmte Dinge, also diese ganze Business-Ebene Promotion, Netzwerke und ähnliches - das kann ich neben meiner Vollzeitstelle zeitlich gar nicht bringen. Ich würde auch ganz gerne mal wieder ein intaktes Sozialleben haben, was schwierig ist, wenn man neben seiner Arbeit in seiner Freizeit auch noch als Künstler unterwegs ist. Aber das ist ok für mich, ich habe mich auf meine Struktur eingestellt und der Rest wird sich zeigen.

Ich finde das ehrlich gesagt gut, dass du das so siehst. Ich kenne genug Rapper, die nur noch auf ihre Reichweite fixiert sind. Da wird alle paar Minuten das Smartphone gezückt, um die Klicks und Likes zu zählen.
Schwieriges Thema und immer von der persönlichen Stimmung abhängig. Natürlich macht Mensch Musik, um Leute zu erreichen. Von diesem zwanghaften Schauen auf Klicks etc. kann ich mich auch nicht immer frei machen. Kompliziert, da entspannt zu bleiben. Wenn du eine Menge Arbeit, Energie und Liebe in ein Projekt steckst und das am Ende niemand mitbekommt, ist das freilich frustrierend.

Davon kann bei dir ja keine Rede sein. Ich meine, du bist nicht Ice-T, aber du kriegst ja schon Beachtung.
Gut, klar. Aber wenn ich zum Beispiel sehe, dass mein Video zu „Heldentaten“, das wir ziemlich aufwändig gedreht haben, nur um die 10.000 Aufrufe hat, dann kannst du schon das Zweifeln bekommen. Generell kenne ich eigentlich keinen Künstler, der mit seinem Status Quo zufrieden ist. Irgendwie gehört das auch dazu und ist ein Antrieb. Da kommt dann schon eine Art Competition zu Stande. Wenn Leute mit Scheiß-Musik steil gehen, dann motiviert das, selber dran zu bleiben und diesem Quatsch etwas gegenüberzustellen bzw. den Leuten zumindest eine Alternative anzubieten. 




Ist dieser Subkultur-Frust Thema deines Albums?
Naja, der Frust hat sich entspannt. Es geht ja auch nicht darum, irgendjemandem die Schuld zuzuschieben dafür, dass man sich den Arsch abtourt und am Ende nichts bei rumkommt, was im Verhältnis dazu steht. Ich habe da Bock drauf, auch wenn ich dann manchmal nur vor dreißig Leuten spiele. Noch hänge ich zu sehr daran, um damit aufzuhören. Ich arbeite mich thematisch an Menschen ab. An Menschen, was ich an der Subkultur doof finde, Arbeitswelt, Lohnarbeit - alles. Der gestreckt Mittelfinger wird der rote Faden, denke ich.









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